Jada-Jadda Teil II

Die Geschichte geht weiter…

Wie aus dem nichts taucht ein Mann vor mir auf. Er trägt einen schwarzen Anzug mit silbernen Nadelstreifen. Schimmerhaft glitzern Monde und Sterne auf dem feinen Stoff. Sein Bart ist grau-weiß. gestutzt und sehr gepflegt. Seine Haare sind lang, glatt nach hinten gekämmt und fallen locker auf seinen Rücken. Er hat in etwa meine Größe und meine Statur. Seine Augen und sein Gesicht kommen mir seltsam bekannt vor.

Diese Augen – Dieser Blick

Schon einige Male bin  ich ihm in Meditationen und Träumen begegnet. Das erste Mal als ich 16 war.Alles um uns herum wird still. Alles wird weit und klar.Da ist diese unendliche Weite. Es ist als könnte ich bis ans Ende des Universums blicken und noch darüber hinaus. Das Gefühl ist unglaublich!  Das alles erinnert mich an meine Depression und ich kann es kaum aushalten. Doch mit einem mal liegt darin unfassbare Schönheit!

Ich habe mich so erschrecktDann ist da plötzlich ein Klos in meinem Hals. Er ist so riesig, dass ich nicht einfach runter schlucken kann. Unsichtbare Hände legen sich um meinen Kehlkopf und drücken zu. Sie nehmen mir die Luft zum atmen. Ich spüre wieder den LKW auf meiner Brust, in meinem Kopf stechender Schmerz und meine Augäpfel schwellen auf die Größe einer Orange. Ich japse nach Luft. Das war’s dann wohl jetzt. Das ist das Ende.

Nein, das ist keine Panikattacke

Das ist nicht mein Gehirn, das mir wie üblich Streiche spielt. Manchmal ist es so verzweifelt und versucht meine Situation zu lösen. Die einzige Antwort, die es mir anbietet: Selbstzerstörung. Aber dieses mal ist alles anders. Es fühlt sich so real an und ich denke, das jetzt mein letztes Stündchen geschlagen hat. Es ist Fünf nach Zwölf. Ich will das aber nicht. Ich möchte noch mal wie ein Geisteskranker über die Autobahn rasen und mir von der Musik den Rücken massieren lassen. Ich will noch einmal in die alte Heimat zurück und meiner Familie und Freunden sagen, dass ich sie lieb hab.

Auf einmal sehe ich mein Leben auf einer Kinoleinwand laufen. Ich sehe meine Geburt, wie ich als kleines Kind die Treppen herunterfalle, der erste Kuss, das erste mal betrunken, das erste mal Sex – und vieles mehr. Es ist der coolste Film, den ich je gesehen habe. Vor allem, weil ich ja der Hauptdarsteller bin und das alles erlebt habe. Ich hatte so ein schönes Leben! So viel Liebe, so viele glückliche Momente – was für ein geiles, spannendes Abenteuer. Und das soll jetzt das Ende sein?

So habe ich mir das nicht vorgestellt

Ich wollte immer im Bett sterben. Am besten beim Sex. Heisst es „beim“ Sex? Ist das grammatikalisch korrekt? Ich sterbe gerade und ich mache mir Gedanken über Satzbau und Rechtschreibung. Dinge, in denen ich noch nie so richtig gut war. Meine Schwester wäre stolz auf mich, wenn sie das wüsste. Leider wird sie es nie erfahren. Traurig! Eine Träne läuft mir aus dem Augenwinkel. Diese Trauer fühlt sich aber auch unglaublich süß an. Ich schmunzle über mich und all das was ich tat. Wie ich über mich dachte, über das Leben und die anderen.

Zu der Träne gesellen sich noch ein paar andere. Ich höre himmlische Gesänge, ein Orchester spielt in weiter Entfernung und doch sind die Töne ganz nah. Sie pulsieren förmlich in meiner Blutbahn, befreien mich von meinem Schmerz. Es ist das schönste, reinste und purste, was meine Ohren je vernommen haben. Ich verstehe nicht, was die Stimmen singen, ich verstehe die Bedeutung nicht, wie sie geschrieben werden oder wo sie herkommen.

Das kommt mir bekannt vor

Ich bin wieder unter den LebendigenIrgendwo, irgendwann habe ich das schon mal gehört. Ich sehe ein helles Licht. Da wo eben noch der Kinofilm  lief, öffnet sich mit einem mal ein Lichtportal. Aus dem Mann, der die ganze Zeit stumm an meiner Seite stand, ist ein gigantische Lichtwesen geworden, das mir liebevoll zuschaut. Das Licht wird immer heller. Wie gebannt starre ich in diese Farben. Es strahlt Wärme aus. Mir wird warm, so warm wie lange nicht. Es ist schön.

Dann spüre ich kleine elektrische Schübe, die sich wie feine Nadelstiche auf der Haut anfühlen. Darunter breitet sich ein Gefühl der Liebe und des Friedens aus, wie ich es noch nie zuvor empfunden habe. Die Energieschübe werden heftiger und das Licht auch. Dann ist da für den Hauch einer Sekunde: Nichts. Stille. Ewigkeit. Liebe. Freiheit. Nichts. Diese Sekunde könnte auch tausend Jahre gedauert haben. So genau lässt sich das nicht sagen. Ich hatte keine Uhr dabei.

„Er ist wieder zurück. Wir haben ihn!“

Ich mache den tiefsten und wohl längsten Atemzug in meinem bisherigen Leben. Wie wunderbar sich die Luft in meinen Lungen anfühlt. „Wissen’s Opa und Oma schon?“, frage ich die hübsche Sanitäterin. „Wenn sie möchten benachrichtigen wir ihre Angehörigen.“ Später sagt sie mir, dass ihr diese Frage in 20 Jahren Berufstätigkeit noch nicht unter gekommen ist. „Ist ein Insider. Müssen sie nicht verstehen.“, verrate ich ihr mit einem Lächeln auf den Lippen und bitte sie um ein Feuerzeug. Etwas widerspenstig reicht sie mir ein schwarzes Zippo, auf dem Monde und Sterne eingraviert sind.  Ich nehme einen tiefen Zug von meiner Zigarette und höre wieder diese Worte: Jada-Jadda.

 

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