Einen Baum fällen

Wenn man einen Baum fällen möchte, dann ist das ziemlich teuer. Es kostet einen Baum.

Als ich noch ein Kind war, da lag ich oft auf dem Boden in unserem Wohnzimmer und schaute stundenlang aus dem Fenster in den Garten. So verging Zeit ohne dass ich es mitbekommen hätte. Ich war fasziniert von den Farben, Pflanzen und Tieren. Von meinem Platz aus sprach ich mit Allem. Worüber weiss ich nicht mehr. Ich weiss nur noch, dass es irgendwie so war.

Ich erinnere mich auch noch an einen ganz schlimmen Tag

Es war der Tag, an dem unser Nachbar einen meiner Lieblingsbäume fällte. Ich lag auf dem Boden und weinte. Ich verstand die Welt nicht mehr. Dieser Baum stand in der Nähe der Garage. Ich spielte dort unheimlich gerne. Wieso weiss ich gar nicht mehr. Es war ein unbedeutender Platz. Der Durchgang  von Garage zu Garten. Aber aus irgendeinem Grund verbrachte ich dort Stunden. Ich habe die Vermutung, dass es dort unsichtbare Dinge gab, an die ich mich heute als Erwachsener nicht mehr erinnern kann.

Ich habe keinen Zugang mehr. Ich habe noch das Gefühl. Ein schwaches Schimmern. Ich weiss, dass dazu Bildern gehören. Aber die sind verschwunden. Mein Nachbar hat an diesem Tag Das vergessene Gefühlnicht nur einen Baum gefällt. Er hat mich an diesem Tag auch von etwas in mir und der Welt abgeschnitten. Denn danach spielte ich nicht mehr dort und ich schaute auch nicht mehr in den Garten. Meine Eltern sagten immer

„jetzt schaut er wieder nach den kleinen grünen Männchen“

Klar, viele Kinder haben imaginäre Freunde, die ihrer Fantasie entsprungen sind. Ich hatte schon immer eine blühende Fantasie. Ich glaube aber nicht, dass ich imaginäre Freunde hatte, an die ich mich heute nicht mehr erinnere. Ich glaube, dass meine Kinderaugen etwas wahrnahmen, das den Blicken der Erwachsenen entging. Was, wenn es Dinge gibt, die wir aus unserer derzeitigen Perspektive nicht sehen können?

Ich finde diese Frage unheimlich spannend und eine andere ergibt sich aus ihr. Können wir unsere Perspektive ändern und Zugang zum Verborgenen erhalten? Es ist möglich die Perspektive zu wechseln. Darüber habe ich in einem anderen Post geschrieben. Da ging es um eine andere Sicht auf meine Wohnung. Aber wie ist es möglich in diesem Fall die Perspektive zu wechseln? Es unterscheidet sich überhaupt nicht von einander.

Als ich das Gefühl aus meiner alten in die neue Wohnung holte, da reaktivierte ich ein Gefühl, das ich vor 2 Jahren hatte. Bei meinem Umzug „vergaß“ ich es und hatte es wohl aus den Umzugskisten nicht herausgeholt. Dort lag es für knapp 2 Jahre. Dieses andere Gefühl „vergaß“ ich allerdings vor ungefähr 25 Jahren. Gott, ich werde alt.

Der Vorgang bleibt der Gleiche

Ich möchte das mal an einem Beispiel erklären. Ich wachte neulich mit einem unglaublich gutem Gefühl auf. Ich wusste nicht wieso. Normalerweise fühle ich mich morgens Hundeelend und verkatert. Das kannte ich also nicht. Ich war mir sicher, dass diese „neue“ Gefühl zu irgendetwas gehört, aber nicht zu was. Es musste mit etwas zu tun haben, das ich in der Nacht geträumt hatte. Oft träume ich ziemlich abgefahrenes Zeug, was ich ziemlich cool finde.

Eine blühende FantasieDoch an diesem Morgen hatte ich keine Erinnerung an die Nacht. Also blieb ich liegen und genoss einfach nur dieses positive, jedoch völlig unbekannte Gefühl. Nach einer Weile sah ich vor meinem geistigen Auge ein Bild. Also raffte ich mich auf und fing an es zu beschreiben. Auf das erste Bild folgte ein zweites und es kamen noch ein paar mehr. So kam ich dem Gefühl immer mehr auf die Schliche.

Von absoluter Ahnungslosigkeit zu Wissen

Für mich beantwortet das die Frage. Es ist möglich alte Gefühle zu reaktivieren und in das erwachsene Leben zu integrieren. Dabei ist egal, wann man das Gefühl zuletzt gespürt hat. Gefühle verschwinden nicht einfach. Leider hat mir das in der Schule niemand beigebracht. Hinter Gedanken und Gefühlen stecken unheimlich coole und gleichermaßen spannende Botschaften. Selbst wenn es unangenehme Gefühle sind. Denn sind wir doch mal ehrlich, es ist nicht besonders cool, sich traurig oder gar depressiv zu fühlen.

Das ist aber nur so, weil uns nie jemand beigebracht hat mit Gefühlen umzugehen. Für mich galt das lange  Zeit für beide Enden der Skala. Früher musste ich immer Alkohol trinken oder Cannabis rauchen (meistens beides auf einmal – böse Mischung), wenn ich mich zu gut oder schlecht fühlte. Ich habe es einfach nicht anders ausgehalten. Wer hat eigentlich die Gefühls-Label eingeführt?

Wenn man traurig ist, dann ist das ein schlechtes Gefühl. Wenn man sich freut, ist es ein gutes Gefühl. Das ist doch Käse. Gefühl ist Gefühl wie ein Gedanke ein Gedanke ist. Die wollen doch auch nur spielen bzw. mit uns reden. Nun ich habe irgendwie verlernt mich mit ihnen zu unterhalten. Vielleicht konnte ich es aber noch nie. Die Gefühle wollen nur mit mir sprechen, doch manchmal habe ich so eine Angst vor ihnen, dass ich in panische Angstzustände gerate.

Aber irgendwie lerne ich es gerade. Meine Perspektive hat sich dahingehend schon einmal geändert. Ich finde diese Gefühle schon mal mächtig cool. Also alle. Das ist ja auch schon mal eine gute Grundlage für einen Dialog. Sympathie ist wichtig. Vielleicht sehe ich auch irgendwann wieder „grüne Männchen“.Wer weiss.

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