Dieser Moment

Ich habe neulich ein Interview mit Eckhart Tolle gesehen. Er spricht da über seine Erfahrung mit Depressionen.

Ein paar Sachen, die er sagte, sind mir förmlich ins Gesicht gesprungen. Hätte mich jemand beobachtet als ich mir das Video ansah, hätte dieser jemand wohl das ein oder andere Mal eine Glühbirne über meinem Kopf leuchten sehen. Mir sind nämlich in dieser Stunde einige Dinge klar geworden. Mit Depressionen hat es aber gar nicht so viel zu tun.Dieser Moment

„Da warst Du ja wieder gedankenlos!“ Schön, wärs!

Zum einen spricht Eckhart Tolle in diesem Interview über Gedankenlosigkeit. Das hört sich erstmal so negativ an. Das ist es aber nicht. Wenn ich gedanken-los bin, dann entsteht im Kopf eine Pause. Den Denken findet in diesem Moment nicht statt. In diesem Moment des Nicht-Denkens kehrt dann Frieden ein, den viele Menschen als ein schönes Gefühl empfinden.

Wie man in diesen Zustand kommt

Eckhart Tolle sagt, dass das gut über den Atem geht. In dem Moment, wenn man sich auf das Atmen konzentriert, gelangt man in der Gegenwart an und Frieden stellt sich ein. Er hat da schon recht. Die meiste Zeit beschäftige ich mich mit der Zukunft. Da gibt es immer etwas zu erledigen. Bei mir ist da mindestens eine große Sache, die mich bedrückt. Wenn ich sie dann erledigt habe, kehrt das Gefühl der Stille und des Friedens ein und es bleibt auch eine Weile. Doch dann finde ich wieder etwas, das mir schlaflose Nächte bereitet. Da hilft dann auch kein atmen.

Doch ich bin mir sicher, dass jeder Mensch seinen eigenen Weg in die Gegenwart und zum Frieden finden und gehen kann. Mir ist es gar nicht aufgefallen, aber malen und schreiben funktioniert bei mir ganz gut. Das ist mein Atmen. Denn das passiert dann: Ich denke in den meisten Fällen nicht nach, wenn ich male oder schreibe. Wieso auch. Gut, hier und da denke ich, „das sieht scheiße aus“ oder „so kannst du das nicht schreiben“.Doch dann sage ich mir: Scheiß drauf! Ich versuche gerade lockerer zu werden. Ich versuche Dinge so gut zu finden wie sie sind.

Ganz schön leicht daher gesagt

Wenn meine Lieblingsmannschaft beim Fußball gewinnt, dann fällt es mir sehr leicht das anzunehmen und ich breche spontan in Jubelorgien aus. Da kann es schon mal vorkommen, dass ich wie ein 3 Jähriger durch die Wohnung hüpfe und Eintracht-Frankfurt Lieder singe. Da mache ich mir dann auch keine Gedanken über Ruhestörung oder die Privatsphähre meiner Nachbarn. Schließlich lebe ich gerade den Moment. Ihr wisst schon die Gegenwart und so.

Dieser MomentAber wenn mir dann wieder einmal einfällt, dass ich schon wieder seit Wochen mit keinem Menschen gesprochen habe, viel im Bett lag und wenig bis nichts getan habe – Uh,  da wird es dann schon schwierig. Das ist nicht so leicht anzunehmen wie 3 Punkte gegen Mainz zum Beispiel. Das war leicht. Das andere nicht. In dem Moment mache ich mir dann auch Gedanken um die Zukunft. Ich höre die Stimmen meiner Ärzte und Angehörigen in meinem Kopf. Sie sagen: „Du musst doch mal wieder den Hintern hoch bekommen“ oder „Langsam müssen Sie doch wieder mal gesund werden“ oder „Was soll aus Dir noch einmal werden?“

Ich weiss, dass die Depression die eigentlichen Aussagen in meinem Kopf verdreht und mir die Welt anders zeigt als sie ist. Atmen hilft da auch nicht. Wenn ich in diesem Moment meine Konzentration auf den Atem lenke, fällt mir wieder der LKW auf, den dort irgendein Arschloch vor ein paar Jahren abgestellt und seit dem nicht wieder wegfahren hat. Wenn ich an den LKW denke, fällt atmen eher aus. Aber es muss ja nicht der Atem sein.

Für Eckhart Tolle hat das bewusste Atmen funktioniert. Auch er hatte so seine Zeiten in denen es ihm nicht gut ging und in denen er nicht wusste, was er tun soll ( das nehme ich mal an). Doch Stück für Stück ist er in seine Rolle als spiritueller Lehrer hinein gewachsen. Das war ein ganz natürlicher Prozess. Auch wenn es bestimmt schmerzhaft für ihn war. Die Geburt eines Kindes ist auch schmerzhaft – ist auch ein natürlicher Prozess. Jedenfalls sehe ich in dieser ganzen Sache Motivation für mich selbst. Jeder muss seinen eigenen Weg finden und gehen. Auch wenn es erst mal weh tut.

Ich hoffe, dass ich mich darin erinnere, wenn’s „mal wieder soweit ist“. Den der Gedanke macht die Dinge leichter.

 

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