Depressionen für Außenstehende

Für nicht Betroffene ist es schwierig nachzuvollziehen, was bei einer Depression in einem Menschen vorgeht.

Wenn ich ein paar Jahre zurück denke, dann konnte ich mir unter der Diagnose nichts vorstellen. Nun soll das hier kein Laborbericht über die bio-chemischen Vorgänge im Gehirn eines manisch-depressiven Patienten werden. Ich bin ja kein Mediziner. Ich bin der Patient. Also schreibe ich über die Dinge, die mir in meinem Alltag widerfahren. Ein gesunder Mensch kann sich das, so wie ich in der Vergangenheit auch, gar nicht vorstellen.

Das einzige was ich damals mit depressiven Erkrankungen verband, waren suizidale Gedanken und deren Folgen. Suizid hört sich im Übrigen wesentlich besser als Selbstmord an. Selbstmord klingt so negativ. Unter Suizid kann ich mir weniger vorstellen. Als ich das erste mal „ehrlich“ zu meinem damaligen Hausarzt war, wies er mich mit „starker Suizidalität“ (oder so ähnlich) in die Psychatrie. Das war ein ziemliches Drama für alle Beteiligten.

Suizid vs. Selbstmord

Depression wie sie istIch entschied mich dann für ein Weilchen bei meinen Eltern zu bleiben und dort wieder auf die Beine zu kommen. Später fand ich heraus, dass Suizid-Gedanken die letzte Option des Gehirns sind. Das Gehirn bietet einem ständig zu irgendwelchen Ereignissen ratsame Vorschläge an. Im Fall Depression ist seine einzige Antwort:“Oh Shit! Selbstmord wäre ein Lösung!„. Ich muss da gerade an den Film „das kleine Arschloch“ denken. Aber im Grunde ist mein Gehirn der Meinung, dass es aus meiner gesundheitlichen Situation nur einen Ausweg gibt: die totale Vernichtung des Systems.

Nun muss ich aber auch ein bisschen schizophren sein, denn es gibt noch einen anderen Teil in mir, der sich vehement weigert das zu glauben bzw. die teilweise äußerst kreativen Vorschläge meines Gehirns umzusetzen. Dieser Teil erinnert mich seltsamerweise an das gallische Dorf aus Asterix und Obelix, das sich als einzige Ortschaft gegen die Römer durchsetzt. So ist dieser Teil auch.

Man kann hier also schon erkennen, dass bei Depressionen irgendetwas im Gehirn nicht so tut wie es eigentlich soll. Die Vermutung ist absolut richtig. Die Konzentrationsfähigkeit ist stark eingeschränkt und das Erinnerungsvermögen spielt einem hin und wieder fiese Streiche. Das bedeutet: Ich kann wunderbar lesen (auch laut), doch was da steht, weiss ich nicht. Bei Formularen und wichtigen Anträgen ist das äußerst hinderlich. Denn bei Rechtskram sollte man besser wissen, was man unterschreibt. In dem Fall muss ich mir die Sachen 10x durchlesen und das ist keine Übertreibung.Auf der anderen Seite stehe ich manchmal irgendwo in meiner Wohnung und weiss nicht wie ich da hingekommen bin, geschweige denn was ich überhaupt wollte. Totaler Blackout! Diese Momente sind absolut scary.

Die körperliche Seite einer depressiven Erkrankung

Gut, das Gehirn dreht ein bisschen am Rad. Das haben jetzt alle verstanden. Aber war’s das? Leider nein. Denn auch der Körper verändert sich. Da gibt es viele verschiedene Ausprägungen. Eine betrifft zum Beispiel den Apetit. Ich habe nämlich keinen. Ich habe nicht mal Apetit, wenn ich den ganzen Tag nichts gegessen habe. Auch das ist keine Übertreibung. Die Auswirkung zeigt sich dann auch am Körper. Im August 2016 habe ich um die 90 Kilo gewogen. Im Dezember des gleichen Jahres waren es dann 70. Ich kann guten Gewissens von mir behaupten, dass ich nur noch die Hälfte von mir bin. 2012 habe ich knapp das doppelte auf die Waage gebracht.

Es ist kaltDass  man abnimmt, gerade wenn man einmal stark übergewichtig war, ist ganz schön. Aber irgendwann ist es dann ja auch mal gut. Leider gibt es auch Zeiten, in denen der Körper einfach komplett ausrastet. Da habe ich das Gefühl, dass meine Körpertemperatur auf Minusgrade fällt. Zweistellig! Da kann ich in einer dampfenden Badewanne liegen oder die Heizung auf 6 drehen und ich taue nicht auf. Mein Körper zittert wie auf kaltem Heroin-Entzug. Anmerkung: Ich habe noch keinen solchen Entzug hinter mir, jedoch mal gehört, dass es Drogenabhängigen ähnlich ergeht. *Anmerkung Ende*

Manchmal ist mein Körper so fertig, dass es überall kribbelt. Ich bilde mir dann ein, dass unter meiner Haute kleine Insekten sind, denn so fühlt es sich an. Ich versuche mich zu beruhigen sage zu mir:„Das ist nur eine Fliege. Nur eine Fliege!“. Doch eine Fliege kann nicht gleichzeitig an Brust, Rücken, Kopf und dem kleinen linken Zeh sein. Das spricht dann eher für mehrere Fliegen. Normalerweise machen die aber Geräusche. Da sind aber keine Geräusche, keine Käfer oder anderen Insekten. Es kribbelt einfach nur.

Alltägliche Sachen

Das ist echt unangenehm und kommt zum Glück auch nur sehr selten vor. Aber es gibt auch noch körperliche Erscheinungen, die immer da sind. Bei mir sind das Schmerzen im Brust- und Kopfbereich – ungefähr vergleichbar mit Gliederschmerzen einer Grippe oder Migräne. Die Intensität wechselt von leichten Stichen bis hin zu „ich-werde-wahnsinnig-wenn-das-nicht-gleich-aufhört“. Schmerzmittel helfen da leider nicht. Zumindest keine, die ich bisher bekam.

Eine letzte Sache vielleicht noch: Schlaf. Da verhält es sich ähnlich wie mit dem Apetit. Ich hör‘ immer wieder:“Du bist so blass!“. Ich sage dann immer, „Muss mal wieder ins Solarium.“ Nun das kann natürlich mit dem Schlaf zusammenhängen. Es ist schwierig Schlaf zu finden. Denn gerade wenn ich es nicht will, ist das Gehirn sehr aktiv. Also ich bin müde und will schlafen, aber mein Gehirn schickt mir einen Gedanken nach dem anderen, der mich vom Einschlafen abhält. Kurz gesagt: Ich schlafe spät ein und verhaltnismäßig früh auf. In der Zeit dazwischen Träume ich heftige Sachen. Das ist zwar cool und spannender als jeder Actionfilm, aber nicht sonderlich entspannend.

Deshalb wache ich im Prinzip jeden Morgen mit einem Kater auf als hätte ich die Nacht durchgesoffen. Im Großen und Ganzen ist es das. Das sind Dinge, die bei einer depressiven Erkrankung, im Gehirn und im Körper vor sich gehen. Das ist natürlich bei jedem Menschen anders. Bei mir ist es so wie ich es beschrieben habe.

 

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